Die Zügel: welche Wirkung auf Ihr Pferd?

Mit Hilfe der Zügel kann der Reiter mit seinem Pferd kommunizieren, um ihm Anweisungen, insbesondere zur Richtung und Art der Bewegung, zu geben. In diesem Artikel gehen wir auf die Grundlagen des richtigen Gebrauchs der Zügel ein. Außerdem erfahren Sie mehr über die verschiedenen Zügelarten und deren Wirkung für das Pferd.

 

Ebenso wie es die unterschiedlichsten Sattelgurte oder Trensen gibt, so gibt es auch die verschiedensten Arten von Zügeln auf dem Markt. Sie unterscheiden sich hinsichtlich der Materialien, im Design oder auch in Bezug auf das Gefühl, das der Reiter sich wünscht. Wenn man sich für einen Zügel entscheidet, bedenkt man leider nicht immer, welche Wirkung die Zügel auf das Pferd haben können.

 

Die Zügel, wie setzt man sie richtig ein?

Jeder Reiter lernt bereits in den ersten Reitstunden, wie man mit den Zügeln umgeht. Wie man sie richtig hält und welche Länge sie haben sollten, wie man die Hände hält, konstant Verbindung hält usw.

Die Zügel ermöglichen, über das Gebiss, eine nahezu direkte Interaktion mit dem Pferdemaul. Sie gehören zu den „künstlichen“ Hilfen, im Gegensatz zu den „natürlichen“ Hilfen, wie die Gewichtshilfen, Bein- oder Stimmhilfen.

 

Die Hilfengebung ist das Kommunikationsmittel zwischen Reiter und Pferd. Durch deren Einsatz lehrt der Reiter dem Pferd, je nach ausgeübtem Druck, eine bestimmte Reaktion zu zeigen.

 

Allgemeine Regeln für eine gute Handhaltung am Zügel:

  • Beide Hände sind parallel, in einem Abstand von etwa 20 cm und vor dem Widerrist positioniert.
  • Die Arme sind locker, halb angewinkelt, die Ellenbogen liegen am Körper.
  • Handgelenke und Unterarme bilden eine Linie.
  • Die Daumen zeigen nach oben und liegen flach auf dem Zügel auf.
  • Die Zügel liegen am Finger auf Höhe des zweiten Fingerglieds an.

 

Zügelhaltung und Handhaltung, Ansicht von oben. Illustration adaptiert von Pinterest.

Haltung von Unterarm und Handgelenk, in einer Linie mit den Zügeln. Illustration adaptiert von Pinterest.

 

Beachten Sie jedoch, dass diese „Regeln“ lediglich eine allgemeine Aussage darstellen. Es gibt nämlich verschiedene Arten, die Zügel zu halten: französisch, englisch... Wenn man beispielsweise zwei Profireiter, unabhängig von der Disziplin, mit einander vergleicht, wird die Zügelhaltung bei beiden unterschiedlich aussehen. In der Praxis müssen diese „Regeln“ also individuell an den Reiter angepasst werden, je nachdem wie er reitet und in welcher Disziplin.

Die Hände können sich bewegen, gegenhalten und die Zügel nachgeben. Das Ziel ist es, einen ständigen, weichen Kontakt zum Pferdemaul herzustellen und gleichzeitig die Möglichkeit zu haben, bei Bedarf fester zu agieren.

 

Spannung an den Zügeln

Spannung lässt sich als die Kraft definieren, die sich aus der Einwirkung der Reiterhand und dem Widerstand des Pferdemauls ergibt. Sie kann von verschiedenen Variablen beeinflusst werden, wie z. B. dem Niveau von Reiter und/oder Pferd, der Gangart oder auch der Art der Zügel oder des Gebisses.

 

Eine ruhige Hand ist entscheidend, um den idealen Zügelkontakt zu erreichen und vor allem zu halten.

 

Laut Tierarzt und Ethologe Paul McGreevy sollte die Spannung, die der Reiter am Zügel aufbringt, 2 Newton betragen, was etwa 200 Gramm entspricht. Dies entspricht mehr oder weniger auch dem Gewicht der Zügel.

Ab der ersten Reitstunde lernt der Reiter, die Zügel unter leichter Spannung zu halten und seine Anweisungen vor allem über das Gewicht des Zügels zu geben. Studien haben jedoch gezeigt, dass die Spannung, die der Reiter ausübt, oft größer ist als man denkt. Tatsächlich ist die vom Reiter wahrgenommene Spannung an den Zügeln ein unterbewusstes Gefühl, das der Propriozeption zuzuordnen ist.

 

Hätten sie gewusst? Propriozeption bezeichnet die bewusste oder unbewwuste Wahrnehmung der verschiedenen Körperteile und ihrer Position im Raum.

 

So belegen zahlreiche Studien große Abweichungen zwischen der vom Reiter wahrgenommenen Spannung und der tatsächlichen Spannung. Die Propriozeption ist eine der „Ursachen“ für diese Abweichungen, es gibt jedoch noch eine Vielzahl anderer Ursachen, die sowohl vom Reiter als auch vom Pferd ausgehen können, sei es durch die Biomechanik, die Gangart, die abverlangten Lektionen oder auch das Ausbildungsniveau.

 

Das Niveau des Reiters

Entgegen der gängigen Meinung ist es nicht unbedingt der unerfahrene Reiter, der eine stärkere Spannung auf die Zügel ausübt. Tatsächlich haben verschiedene Studien belegt, dass unerfahrene Reiter im Vergleich zu erfahrenen Reitern eher dazu neigen, sehr wenig Spannung aufzubauen und diese unregelmäßig halten. 

So hätte ein Reitanfänger eine „grundlegende“ Verbindung von durchschnittlich 1 Newton, also etwa 100 Gramm. Ein erfahrener Reiter dagegen hält eine durchschnittliche Verbindung von zwischen 5 und 10 Newton, was im Maximum dann etwa 1 Kilo beträgt.

 

Die Aktionen des Reiters

Hilary M. Clayton, Tierärztin und Forscherin auf dem Gebiet der Biomechanik erklärt: „Die Zügel werden verwendet, um ein Signal zu geben, mit dem Geschwindigkeit und Bewegungsrichtung des Pferdes kontrolliert oder verändert werden können.

Der Reiter legt also beidseitig (d. h. an beiden Zügeln) Spannung an, um eine Verlangsamung des Tempos zu fordern. Wenn er eine Richtungsänderung verlangt, ist die Spannung nur einseitig.

 

Die Gangarten und die Übergänge

Verschiedenen Studien haben gezeigt, dass bei der Arbeit im Sattel die Spannung abhängig von der Gangart stark variiert. Je höher das Tempo, desto höher ist tendenziell auch die angelegte Spannung. Die Spannung im Schritt ist oft die geringste, im Schnitt zwischen 130 und 760 Gramm. Im Galopp hingegen ist sie viel größer und kann bis zu 62,5 Newton betragen, was mehr als 6 Kilogramm entspricht!

Dasselbe gilt für die ermittelten Spannungsspitzen, sei es während der zyklischen Wechsel zwischen den Gangarten oder bei Übergängen. So treten hohe Spannungsspitzen häufig auf, wenn der Reiter einen Übergang in eine langsamere Gangart, wie Galopp-Schritt, verlangt, aber auch bei Übergängen in eine schnellere Gangart kommt es zu Spannungsspitzen.

 

Der Einsatz anderer Hilfen, wie z. B. Bein- oder Gewichtshilfen, hilft dabei, die Spannung, die bei den Übergängen auf die Zügel ausgeübt wird, zu verringern.

 

Im Allgemeinen ist die vom Reiter angelegte Spannung selten symmetrisch und konstant. Hier kommen wir wieder auf das Prinzip der Propriozeption zurück. Da jeder Reiter anders ist, hat nicht jeder die gleichen motorischen Fähigkeiten oder die gleiche Sensibilität. So zeigen Studien, dass Reiter mit höher entwickelten motorischen Fähigkeiten dazu neigen, konstant weniger Spannung anzulegen, wodurch sie leichter den idealen Zügelkontakt herstellen können.

 

Laut FEI ist eine weiche Hand der Schlüsselindikator, um die ideale Verbindung zum Pferdemaul herzustellen, die vom Pferd ohne Anspannung und Widerstand angenommen wird.

 

Tatsächlich wirkt sich eine zu hohe Spannung negativ auf den Lernprozess des Pferdes aus, da es sich dabei meist um negative Verstärkung handelt. Das heißt, der Reiter setzt dem Pferd in Erwartung einer bestimmten Reaktion einen Reiz und lässt den Druck nach, wenn das Pferd richtig reagiert hat. Daher ist es von entscheidender Bedeutung, die richtige Spannung für die jeweilige Anforderung anzulegen, man muss aber auch genau wissen, wann man die Spannung wieder wegnehmen muss.

 

Verschiedene Materialien, verschiedene Wirkungen

In den vergangenen Jahren hat sich das Angebot der verschiedenen Zügelmodelle stark vergrößert. Ob es die verwendeten Materialien, die Dicke oder die empfohlene Disziplin ist, es gibt mittlerweile eine Vielzahl von Auswahlmöglichkeiten.

 

Gummizügel

Mehrere Studien haben gezeigt, dass die von Reitern am häufigsten verwendeten Zügeln Gummizügel sind, und zwar aus mehreren Gründen:

  • Obwhol man hier auch zwischen verschiedenen Stärken wählen kann, sind sie in der Regel dicker als herkömmliche Zügel.
  • Das rutschfeste Material hilft, eine ruhigere Hand zu haben.
  • Das Gefühl, Halt zu haben, ist sehr wichtig.

Reiter neigen daher dazu, diese Zügel zu bevorzugen, da sie einen besseren Kontakt und mehr Kontrolle verspüren.

Für manche Reiter hat das aufgrund der ruhigeren Hand auch durchaus Vorteile, Gummizügel haben jedoch eine weniger feine Wirkung als andere Zügelarten. Den Daten dieser Studien zufolge sind es nämlich die Gummizügel, mit denen der Reiter die meiste Spannung aufbringt.

 

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Biothane-Zügel

Zügel aus Biothane sind den Gummizügeln im Design sehr ähnlich. Sie werden hauptsächlich beim Distanzreiten verwendet und sind dünner und leichter als Gummizügel, aber auch widerstandsfähiger als Lederzügel.

Da Biothane ein flexibles Material ist, bleibt die Hand des Reiters bei diesem Zügeltyp oft weicher. So kann er auch mit weniger Zügelhilfe arbeiten.

 

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Lederzügel

Es gibt verschiedene Arten an Lederzügeln, die sich in ihrer Dicke, der Narbung des Leders oder durch Flechtung unterscheiden. Häufig unterscheidet sich die Art der Lederzügel, die der Reiter wählt, abhängig von der Disziplin, die er ausübt.

Zügel aus glattem Leder werden z. B. vor allem von Dressurreitern verwendet. Sie bringen sie an den Gebissringen an, wenn sie mit einer Trense reiten. Diese Zügel sind sehr geschmeidig und ermöglichen dem Reiter daher viel Präzision bei seinen Zügelhilfen und einen feinen Kontakt zum Pferdemaul. Bestimmte Zügel, so zum Beispiel die deutschen Zügel, sind häufig Glattlederzügel.

Umgekehrt sind Zügel aus geflochtenem Leder oder aus zwei Materialien oftmals bei Jagdreitern sehr beliebt. Sie bieten mehr Halt als Zügel aus Glattleder, sind aber dennoch weniger dick und geschmeidiger als Gummizügel.

Im Allgemeinen werden Lederzügel in Studien als die „weichsten“ Zügel eingestuft, d. h. als Zügel, bei denen die Reiter die geringste Spannung anlegen und diese Spannung am gleichmäßigsten ist.

 

Zügel aus Stoff oder Gewebe

Zügel aus Stoff oder Gewebe sind praktischer als Lederzügel, da sie weniger Wartung benötigen. Sie werden häufig in Reitschulen eingesetzt, da sie dank der Stopper dem Reiter das Lernen vereinfachen.

Sie sind jedoch oft weniger robust als Leder- oder Gummizügel und können die Haut reizen, wenn der verwendete Stoff keine besonderen technischen Eigenschaften aufweist, wie z. B. dass er nicht heiß wird.

 

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Zügel mit Stoppern oder Griffen

Diese Zügel sind oft aus Leder, Gummi oder Stoff. Ihre Besonderheit besteht darin, dass sie entweder Stopper oder Griffe zu bieten haben.

In beiden Fällen werden diese Zügel oft für Reiter empfohlen, die noch lernen oder ihre Zügel oft länger lassen, wie beim Springen oder im Gelände. Achten Sie bei diesen Zügeln jedoch auf die Spannung, die der Reiter auf das Pferdemaul ausübt.

 

Wir fassen zusammen...

Die Zügel sind also ein wesentlicher Bestandteil der Ausrüstung eines Reiters, der sie sorgfältig und nach wichtigen Kriterien wie der gerittenen Disziplin, dem Ausbildungsniveau und seiner Reitweise auswählen sollte.

 

Übersichtstabelle über die verschiedenen Arten von Zügeln und ihre Auswirkungen auf das Pferd.

 

Die richtigen Zügel in der Hand zu haben, reicht jedoch nicht aus. Es ist wichtig, auf die Spannung zu achten, die man anlegt und damit direkt auf das Pferdemaul ausübt. An der eigenen Propriozeption zu arbeiten ist auch eine gute Möglichkeit, den Kontakt, den man mit den Zügeln herstellt, zu verbessern, damit dieser so richtig wie nur möglich ist.

 

Literaturverzeichnis:

  1. Illustration adaptiert von Pinterest
  2. J. W. Christensen, T. L. Zharkikh, A. Antoine & J. Malmkvist, “Rein tension acceptance in young horses in a voluntary test situation” Equine Vet. J., vol. 43, no. 2, 2011.

  3. S. Kuhnke, L. Dumbell, M. Gauly, J. L. Johnson, K. McDonald & U. König von Borstel, “A comparison of rein tension of the rider’s dominant and non-dominant hand and the influence of the horse’s laterality,” Comp. Exerc. Physiol., vol. 7, no. 2, 2010.

  4. H. Randle, A. Abbey & L. Button, “The effect of different rein types on the rein tension applied when taking up a ‘medium contact’”, Journal of Veterinary Behavior, vol. 6, Issue 5, 2011.

  5. M. O’Neil, “The effect of rein type and bit type on rein tension in the ridden horse”, University of Plymouth Institutional Repository (PEARL), 2018.